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„Loser“, Gaming und ambivalenter Sexismus

Heute geisterte ein Artikel zu einer Studie zu sexistischen Äußerungen im Online-Gaming-Bereich durch meine Twitter-Timeline, der den Zusammenhang aufstellt, dass sexistische und negative Chat-Nachrichten an Frauen eher von Männern stammen würden, die im untersuchten Spiel Halo schlecht abschneiden. Im Artikel wird das folgendermaßen interpretiert:

Some male players, however – the ones who were less-skilled at the game, and performing worse relative their peers – made frequent, nasty comments to the female gamers. In other words, sexist dudes are literally losers.

Der Artikel impliziert also eine direkte Verbindung zwischen Sexismus und dem Abschneiden des männlichen Spielers, und stellt damit einen Kausalzusammenhang zwischen dem Vorhandensein von Sexismus und der sozialen Position des Gamers im Online-Spiel, die sich aus seinem Abschneiden ergibt, auf. Der Studienautor wird mit folgenden Kommentar zitiert, wo er versucht, den Sexismus aus dem Druck der Sozialhierarchie heraus zu erklären:

In each of these environments, Kasumovic suggests, a recent influx of female participants has disrupted a pre-existing social hierarchy. That’s okay for the guys at the top – but for the guys at the bottom, who stand to lose more status, that’s very threatening. (It’s also in keeping with the evolutionary framework on anti-lady hostility, which suggests sexism is a kind of Neanderthal defense mechanism for low-status, non-dominant men trying to maintain a shaky grip on their particular cave’s supply of women.)

Neben der Tatsache, dass die biologistische Erklärung für das Verhalten der „low-status, non-dominant men“ selbst ein ziemlich stereotyper Fall von Sexismus ist, und vor allem die sich entsprechend verhaltenden Männer für ihr individuelles Fehlverhalten bewusst oder unbewusst „entschuldigt“, lässt mich die graphische Auswertung der Studienergebnisse an dieser Interpretation ganz massiv zweifeln:

Halo Chart

Im Fall, dass die „guys at the top“ tatsächlich weniger prädisponiert für Sexismus wären oder dieser wie postuliert „nur“ ein Abwehrverhalten für eine Störung der sozialen Hierarchie und damit der als „Loser“ bezeichneten Gruppe vorbehalten ist, müsste davon ausgegangen werden, dass die volle Linie nach rechts hin flach wird und sich auf der Höhe der gestrichelten Linie einpendelt, da für diejenigen mit entsprechendem sozialen Standing das Geschlecht des Gegenübers unerheblich werden sollte für die Kommunikation. Das Gegenteil ist der Fall: je höher der soziale Status des Mannes in der „Halo-Hierarchie“ ist, desto positiver werden die Kommentare, die einem weiblichen Gegenüber geäußert werden, während die Kommunikation zwischen Männern unabhängig vom sozialen Status immer in etwa den selben positiv/negativ-Bereich einnimmt.

Es ist also für mich ziemlich offensichtlich, dass sich aus dieser Studie mitnichten ergibt, dass Sexismus gegenüber Frauen an sozialen Stand innerhalb einer Gruppe gebunden ist, sondern dass sich mit dem sozialen Status des Mannes ausschließlich die Darstellungsform des sexistischen Verhaltens verändert. Als Erklärung bietet sich das Modell des ambivalenten Sexismus an: niedriger sozialer Status in der männlichen Hierarchie führt eher zu hostilem Sexismus (das äußern von bösartigen Kommentaren im Spiel, um Frauen abzuwerten), während höherer sozialer Status sich eher in benevolentem Sexismus (durch übermäßig positive Kommentierung, da Frauen „schwach“ sind und sie in ihrem Handeln bestärkt werden müssen) äußert.

Inwiefern hier eine belastbare Korrelation und möglicherweise sogar eine Kausalität besteht (soziale Position zu Darstellungsform des Sexismus), kann und will ich ohne Blick auf die Datengrundlage und die Konzeption der Studie nicht bewerten; es ist allerdings mehr als fahrlässig, den Artikel und die Studie als Beleg dafür zu nutzen, dass Sexismus „nur“ ein Abwehrkampf von „Losern“ und damit spezifisch für ein bestimmtes soziales Stratum wäre, da sie so ziemlich das Gegenteil aussagt. Vielmehr bekräftigt sie aus meiner Sicht eher, dass (auch) im Online-Gaming-Bereich die typisch patriarchalen Gesellschaftsstrukturen vorherrschen, und dass das Netz und/oder seine Meritokratie(n) das Problem Sexismus alles andere als überwunden haben.

In diesem Sinne: let’s continue the intersectional, feminist fight against the patriarchy!

PS: der Washington-Post-Artikel hat ganz zum Schluss noch ein weiteres, typisch benevolent sexistisches Victim-Blaming („was treibt ihr Frauen euch auch in diesen bösen Ecken mit Halo rum“), dieses Mal vom Autor eingestreut:

Until then, ladies, Facebook and Pinterest are your friends! Those are, for better or worse, two of the online spaces where this type of sex-ratio imbalance isn’t much of a problem: Women on both sites solidly outnumber men.

Also, bitte den Washington-Post Artikel und seine Interpretation der Studienergebnisse ganz schnell vergessen. Beide sind in der (Netz-)Sexismus-Debatte alles andere hilfreich.